
Politische Bildung spielt in den KJF Werkstätten eine wichtige Rolle: Doch die Informationen müssen verständlich und nachvollziehbar sein. Um den rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die anstehenden Kommunalwahlen eine fundierte Wahlentscheidung zu ermöglichen, haben die Stiftlandwerkstätten St. Elisabeth Mitterteich eine Podiumsdiskussion in Leichter Sprache organisiert. Fünf Landrats-Kandidaten für den Landkreis Tirschenreuth waren zu Gast.
Roland Grillmeier (CSU), Mo Dal (SPD), Dr. Bernd Withöft (FDP), Hubert Schicker (Freie Wähler) und Josef Schmidt (Grüne) erklärten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wie sie sich für Inklusion und Barrierefreiheit im Landkreis einsetzen wollen. Sebastian Müller, Leiter des Büros für Leichte Sprache der KJF Regensburg, übersetzt die Antworten der Kandidaten bei Bedarf in Leichte Sprache. Melanie Eibl, die Geschäftsführerin der KJF Werkstätten gemeinnützige GmbH, dankte den fünf Kommunalpolitikern für ihre Teilnahme an der Podiumsdiskussion: „Sie engagieren sich schon jetzt ehrenamtlich für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie. Das verdient Anerkennung und Respekt.“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KJF Werkstätten forderte sie auf: „Geht zur Wahl und nutzt eure Stimme.“
Erika Stelzl, Vorstandmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte Bayern, und Marcel Krawietz Werkstattrat der Stiftlandwerkstätten, moderierten die Podiumsdiskussion und trugen die Fragen ihrer Kolleginnen und Kollegen an die Kandidaten heran. Sie lud alle Kandidaten, unabhängig vom Ausgang der Wahl zu einem Arbeitstag in die Stiftlandwerkstätten ein.
Roland Grillmeier (CSU) war 18 Jahre Bürgermeister von Mitterteich und ist seit sechs Jahren Landrat des Landkreises Tirschenreuth sowie Vorsitzender der Lebenshilfe. „Die Werkstätten und die Wohngemeinschaften St. Benedikt sind ein wichtiger Teil von Mitterteich.“ Er verwies auf bereits geleistete Anstrengungen zur Inklusion: „Wir haben den Marktplatz und den Kunstrasenplatz weitgehend barrierefrei umgestaltet und einen Inklusionsplan aufgestellt. Dafür haben wir 1.800 Menschen befragt. Wir sind also gut aufgestellt.“ Mittelfristig soll das Hallenbad barrierefrei werden: Eine Treppe soll umgebaut und ein Zugang zum Becken geschaffen werden. Im ehemaligen Krankenhaus Waldsassen entstehen elf inklusive Wohnplätze. Zudem fördert der Landkreis zwei Busse, die für Fahrten zur Verfügung stehen.
Mo Dal (SPD) ist Polizeibeamter, begeisterter Fußballer und Trainer einer Jugendmannschaft. „Es ist beeindruckend, wie groß die Stiftlandwerkstätten sind und was die Mitarbeiter hier leisten. Über Kooperationen und Vernetzung mit den Unternehmen in der Region könnten manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch den Sprung in den allgemeinen Arbeitsmarkt schaffen.“ Dal sieht im Sport eine gute Möglichkeit zur Inklusion, als Vorbild nannte er das Team Bananenflanke in Regensburg. „Vielleicht könnte man auch in Mitterteich eine Mannschaft gründen?“
Dr. Bernd Withöft (FDP) ist Jurist, spielt Geige und Klavier und surft gerne. Er will sich insbesondere für mehr inklusive Wohnformen einsetzen: „Es gibt in diesem Bereich viele Fördermöglichkeiten, die man nutzen könnte, um passenden Wohnraum zu schaffen. Auch Ideen sind schon da, aber man muss sie finanziell unterstützen.“ Auch er sieht im öffentlichen Nahverkehr einen wichtigen Baustein zur Inklusion, so gibt es zwar schon ein Baxi – einen Rufbus-Service – im Landkreis Tirschenreuth, aber: „Es muss noch besser und leichter verfügbar werden.“ Dr. Withöft sieht in der Künstlichen Intelligenz eine Chance, um Verwaltungsporzesse zu vereinfachen – wovon insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen profitieren könnten.
Hubert Schicker (Freie Wähler) ist Diplom-Ingenieur und ist aktiver Blasmusiker. „Menschen mit Behinderung brauchen mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft: Dafür muss der Landkreis den öffentlichen Nahverkehr so einrichten, dass die Menschen die Veranstaltungen, die sie besuchen wollen, auch erreichen können. Sie müssen mobil sein und nicht nur auf dem Weg zur Arbeit.“ Er schlug auch vor, dass Menschen mit Behinderung die Fahrer im öffentlichen Nahverkehr schulen könnten, um sie auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Schicker kündigte an: „Als Landrat würde ich ein inklusives Sommerfest ins Leben rufen, für Menschen mit und ohne Behinderung, damit alle miteinander ins Gespräch kommen – auch mit Politikerinnen und Politikern.“
Josef Schmidt (Grüne) ist Gärtner, Landwirt und Metzgermeister. Politisch engagiert er sich als Fraktionsvorsitzender der Grünen und ist seit seiner Jugend begeisterter Musikant, „weil Musik Menschen zusammenbringt und Unterschiede verschwinden lässt“. Er will die Gemeinden noch stärker in die Pflicht nehmen, um Fortschritte bei der Barrierefreiheit zu erreichen. Dazu zählt er auch den Einsatz von Leichter Sprache. „Es braucht in jeder Kommune und im Landratsamt Ansprechpartner, die die Anliegen von Menschen mit Behinderung an die Stadt- und Gemeinderäte herantragen“, so Schmidt. An die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftlandwerkstätten sprach er eine Einladung aus: „Ihr dürft mich sehr gerne auf meinem Bio-Bauernhof besuchen und den Betrieb besichtigen.“
Emotional wurde es, als die Schließung des ehemaligen Krankenhauses in Waldsassen zur Sprache kam: Eine Mitarbeiterin berichtete unter Tränen, dass sie mit einer Blutvergiftung bis ins weit entfernte Plauen gefahren werden musste. Hubert Schicker und Dr. Bernd Withöft kritisierten, dass es keine rund um die Uhr geöffnete Notaufnahme mehr gibt. Beide wollen sich für eine Verbesserung einsetzen. Roland Grillemeier erklärte, dass die Bundesregierung sowie die Krankenkassen für die Finanzierung des Krankenhauses zuständig sind und dass es sich nicht vermeiden lässt, Klinik-Standorte zusammenzulegen. Erika Stelzl redete den fünf Kandidaten ins Gewissen: „Ihr müsst alle gemeinsam daran arbeiten, um die Probleme zu lösen!“
Text und Bilder: Sebastian Schmid